Schulers Books (Die Braut von Messina - 6/23)

- Die Braut von Messina - 6/23 -


Don Manuel. Geflügelt ist das Glück und schwer zu binden, Nur in verschloßner Lade wird's bewahrt. Das Schweigen ist zum Hüter ihm gesetzt, Und rasch entfliegt es, wenn Geschwätzigkeit Voreilig wagt, die Decke zu erheben. Doch jetzt, dem Ziel so nahe, darf ich wohl Das lange Schweigen brechen, und ich will's. Denn mit der nächsten Morgensonne Strahl Ist sie die Meine, und des Dämons Neid Wird keine Macht mehr haben über mich. Nicht mehr verstohlen werd' ich zu ihr schleichen, Nicht rauben mehr der Liebe goldne Frucht, Nicht mehr die Freude haschen auf der Flucht, Das Morgen wird dem schönen Heute gleichen, Nicht Blitzen gleich, die schnell vorüber schießen Und plötzlich von der Nacht verschlungen sind, Mein Glück wird sein, gleichwie des Baches Fließen, Gleichwie der Sand des Stundenglases rinnt.

Chor. (Cajetan.) So nenne sie uns, Herr, die dich im Stillen Beglückt, daß wir dein Loos beneidend rühmen Und würdig ehren unsers Fürsten Braut. Sag' an, wo du sie fandest, wo verbirgst, In welches Orts verschwiegner Heimlichkeit? Denn wir durchziehen schwärmend weit und breit Die Insel auf der Jagd verschlungnen Pfaden, Doch keine Spur hat uns dein Glück verrathen, So daß ich bald mich überreden möchte, Es hülle sie ein Zaubernebel ein.

Don Manuel. Den Zauber lös' ich auf, denn heute noch Soll, was verborgen war, die Sonne schauen. Vernehmet denn und hört, wie mir geschah. Fünf Monde sind's, es herrschte noch im Lande Des Vaters Macht und beugete gewaltsam Der Jugend starren Nacken in das Joch-- Nichts kannt' ich als der Waffen wilde Freuden Und als des Waidwerks kriegerische Lust. --Wir hatten schon den ganzen Tag gejagt Entlang des Waldgebirges--da geschah's, Daß die Verfolgung einer weißen Hindin Mich weit hinweg aus eurem Haufen riß. Das scheue Thier floh durch des Thales Krümmen, Durch Busch und Kluft und bahnenlos Gestrüpp, Auf Wurfes Weite sah ich's stets vor mir, Doch konnt' ich's nicht erreichen, noch erzielen, Bis es zuletzt an eines Gartens Pforte mir Verschwand. Schnell von dem Roß herab mich werfend Dring' ich ihm nach, schon mit dem Speere zielend, Da seh' ich wundern das erschrockne Thier Zu einer Nonne Füßen zitternd liegen, Die selbst mit zarten Händen schmeichelnd kost. Bewegungslos starr' ich das Wunder an, Den Jagdspieß in der Hand, zum Wurf ausholend-- Sie aber blickt mit großen Augen flehend Mich an. So stehn wir schweigend gegen einander-- Wie lange Frist, das kann ich nicht ermessen, Denn alles Maß der Zeiten war vergessen. Tief in die Seele drückt sie mir den Blick, Und umgewandelt schnell ist mir das Herz. --Was ich nun sprach, was die Holdsel'ge mir Erwiedert, möge Niemand mich befragen, Denn wie ein Traumbild liegt es hinter mir Aus früher Kindheit dämmerhellen Tagen, An meiner Brust fühlt' ich die ihre schlagen, Als die Besinnungskraft mir wieder kam. Da hört' ich einer Glocke helles Läuten, Den Ruf zur Hora schien es zu bedeuten, Und schnell, wie Geister in die Luft verwehen, Entschwand sie mir und ward nicht mehr gesehen.

Chor. (Cajetan.) Mit Furcht, o Herr, erfüllt mich dein Bericht. Raub hast du an dem Göttlichen begangen, Des Himmels Braut berührt mit sündigem Verlangen, Denn furchtbar heilig ist des Klosters Pflicht.

Don Manuel. Jetzt hatt' ich eine Straße nur zu wandeln, Das unstet schwanke Sehnen war gebunden, Dem Leben war sein Inhalt ausgefunden. Und wie der Pilger sich nach Osten wendet, Wo ihm die Sonne der Verheißung glänzt, So kehrte sich mein Hoffen und mein Sehnen Dem einen hellen Himmelspunkte zu. Kein Tag entstieg dem Meer und sank hinunter, Der nicht zwei glücklich Liebende vereinte. Geflochten still war unsrer Herzen Bund, Nur der allsehnde Äther über uns War des verschwiegnen Glücks vertrauter Zeuge, Es brauchte weiter keines Menschen Dienst. Das waren goldne Stunden, sel'ge Tage! --Nicht Raub am Himmel war mein Glück, denn noch Durch kein Gelübde war das Herz gefesselt, Das sich auf ewig mir zu eigen gab.

Chor. (Cajetan.) So war das Kloster eine Freistatt nur Der zarten Jugend, nicht des Lebens Grab?

Don Manuel. Ein heilig Pfand ward sie dem Gotteshaus Vertraut, das man zurück einst werde fordern.

Chor. (Cajetan.) Doch welches Blutes rühmt sie sich zu sein? Denn nur vom Edeln kann das Edle stammen.

Don Manuel. Sich selber ein Geheimniß wuchs sie auf, Nicht kennt sie ihr Geschlecht, noch Vaterland.

Chor. (Cajetan.) Und leitet keine dunkle Spur zurück Zu ihres Daseins unbekannten Quellen?

Don Manuel. Daß sie von edelm Blut, gesteht der Mann, Der einz'ge, der um ihre Herkunft weiß.

Chor. (Cajetan.) Wer ist der Mann? Nichts halte mir zurück, Denn wissend nur kann ich dir nützlich rathen.

Don Manuel. Ein alter Diener naht von Zeit zu Zeit, Der einz'ge Bote zwischen Kind und Mutter.

Chor. (Cajetan.) Von diesem Alten hast du nichts erforscht? Feigherzig und geschwätzig ist das Alter.

Don Manuel. Nie wagt' ich's, einer Neugier nachzugeben, Die mein verschwiegnes Glück gefährden könnte.

Chor. (Cajetan.) Was aber war der Inhalt seiner Worte, Wenn er die Jungfrau zu besuchen kam?

Don Manuel. Auf eine Zeit, die Alles lösen werde, Hat er von Jahr zu Jahren sie vertröstet.

Chor. (Cajetan.) Und diese Zeit, die Alles lösen soll, Hat er sie näher deutend nicht bezeichnet?

Don Manuel. Seit wenig Monden drohete der Greis Mit einer nahen Ändrung ihres Schicksals.

Chor. (Cajetan.) Er drohte, sagst du? Also fürchtest du Ein Licht zu schöpfen das dich nicht erfreut?

Don Manuel. Ein jeder Wechsel schreckt den Glücklichen, Wo kein Gewinn zu hoffen, droht Verlust.

Chor. (Cajetan.) Doch konnte die Entdeckung, die du fürchtest, Auch deiner Liebe günst'ge Zeichen bringen.

Don Manuel. Auch stürzen konnte sie mein Glück; drum wählt' ich Das Sicherste, ihr schnell zuvor zu kommen.

Chor. (Cajetan.) Wie das, o Herr? Mit Furcht erfüllt du mich, Und eine rasche That muß ich besorgen.

Don Manuel. Schon seit den letzten Monden ließ der Greis Geheimnißvolle Winke sich entfallen, Daß nicht mehr ferne sei der Tag, der sie Den Ihrigen zurücke geben werde. Seit gestern aber sprach er's deutlich aus, Daß mit der nächsten Morgensonne Strahl-- Dies aber ist der Tag, der heute leuchtet-- Ihr Schicksal sich entscheidend werde lösen. Kein Augenblick war zu verlieren, schnell War mein Entschluß gefaßt und schnell vollstreckt. In dieser Nacht raubt' ich die Jungfrau weg Und brachte sie verborgen nach Messina.

Chor. (Cajetan.) Welch kühn verwegen-räuberische That! --Verzeih, o Herr, die freie Tadelrede! Doch Solches ist des weisern Alters Recht, Wenn sich die rasche Jugend kühn vergißt.

Don Manuel. Unfern vom Kloster der Barmherzigen, In eines Gartens abgeschiedner Stille, Der von der Neugier nicht betreten wird, Trennt' ich mich eben jetzt von ihr, hieher


Die Braut von Messina - 6/23

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