Schulers Books (NOVELLE - 6/6)

- NOVELLE - 6/6 -


Sorgfaeltig zog er die verletzende Spitze hervor, nahm laechelnd sein buntseidenes Halstuch vom Nacken und verband die greuliche Tatze des Untiers, sodass die Mutter sich vor Freuden mit ausgestreckten Armen zurueckbog und vielleicht angewohnterweise Beifall gerufen und geklatscht haette, waere sie nicht durch einen derben Faustgriff des Waertels erinnert worden, dass die Gefahr nicht vorueber sei.

Glorreich sang das Kind weiter, nachdem es mit wenigen Toenen vorgespielt hatte: "denn der Ewge herrscht auf Erden, ueber Meere herrscht sein Blick; Loewen sollen Laemmer werden, und die Welle schwankt zurueck.

Blankes Schwert erstarrt im Hiebe, Glaub und Hoffnung sind erfuellt; wundertaetig ist die Liebe, die sich im Gebet enthuellt".

Ist es moeglich zu denken, dass man in den Zuegen eines so grimmigen Geschoepfes, des Tyrannen der Waelder, des Despoten des Tierreiches, einen Ausdruck von Freundlichkeit, von dankbarer Zufriedenheit habe spueren koennen, so geschah es hier, und wirklich sah das Kind in seiner Verklaerung aus wie ein maechtiger, siegreicher ueberwinder, jener zwar nicht wie der ueberwundene, denn seine Kraft blieb in ihm verborgen, aber doch wie der Gezaehmte, wie der dem eigenen friedlichen Willen Anheimgegebene.

Das Kind floetete und sang so weiter, nach seiner Art die Zeilen verschraenkend und neue hinzufuegend: "und so geht mit guten Kindern selger Engel gern zu Rat, boeses Wollen zu verhindern, zu befoerdern schoene Tat.

So beschwoeren, fest zu bannen liebem Sohn ans zarte Knie ihn, des Waldes Hochtyrannen, frommer Sinn und Melodie".


NOVELLE - 6/6

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